Vermisst
Er hackte gerade Holz, als sie ihn erneut rein rief.
“Wo bleibst du denn?! Das Essen wird kalt!”
Wie er sie hasste. Diese kreischende Stimme. Das ständige Nörgeln.
“Nur noch den Stapel!” rief Anton der Ungeduldigen zurück. Wütend schlug er auf das Holz ein.
Nach zehn Minuten stand sie plötzlich hinter ihm.
“Anton, du musst dir dein Essen…”Bevor sie ausgesprochen hatte, drehte sich Anton blitzschnell um und schlug hart mit der Axt zu.
Er hatte keine Gedanken im Kopf. Nur die Leiche entsorgen. Er wickelte Erna in mehrere Mülltüten und verklebte diese mit Klebeband. Dann grub er den losen Boden um, in den das viele Blut eingesickert war und trat ihn fest. Schließlich wusch er sich selbst und zog sich frisch an. Die Leiche hatte er solange im Schuppen versteckt, bis er sie abends in sein Auto lud und tief in den Wald fuhr. Dort grub er ein etwa sieben Meter tiefes Loch, versenkte Erna darin und schüttete es wieder zu.
Nach getaner Arbeit rief er am selben Abend noch die Polizei an und gab eine Vermisstenanzeige auf.
“Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?” fragte der Polizeibeamte am anderen Ende der Leitung.
“Wir haben noch zusammen Mittag gegessen. Dann ist sie zu Fuß ins Dorf gegangen. Zumindest hatte sie das vor. Das war so gegen eins. Jetzt ist es elf Uhr nacht und sie ist noch nicht zurück. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, weil, so kenne ich sie nicht.”
Nachdem der Beamte die genaue Personenbeschreibung aufgenommen und versprochen hatte, alles weitere in die Wege zu leiten, legte Anton befriedigt den Hörer auf.
Heute wollte er sich einen Cognac gönnen. In eine Decke gehüllt, sass er vor dem Kamin, erhob sein Glas und lächelte: “ Auf dich, liebe Erna.”
Am nächsten Morgen klopfte es gegen die Tür.
“Kommissar Weinstein. Herr Schadt?”
“Haben Sie meine Frau gefunden?”
“Nein. Noch nicht. Ich hätte da noch ein paar Sachen zu klären. Einmal. Warum sind Sie nicht persönlich bei der Polizei vorbei gekommen, um die Vermisstenanzeige aufzugeben?”
“Es hätte doch sein können, dass meine Frau währenddessen zurückkommt.” schoss es aus Anton heraus. Er war froh.
“Ach so. Ja natürlich. Haben Sie ein Photo von ihr und vielleicht ein Kleidungsstück?”
“Ein Kleidungsstück? Ja, meinen Sie denn…?”
“Man kann nichts ausschließen. Niemand hat sie im Dorf gesehen. Um diese Uhrzeit hätte sie irgend jemandem im Dorf auffallen müssen. Sie war ja dort bekannt. Also gehen wir davon aus, dass sie nicht im Dorf war und unterwegs verschwunden sein muss. Was hatte sie bei sich, außer der Kleidung, die Sie uns beschrieben haben?”
“Sie hatte nur ein Portemonnaie, ein altes und eine Stofftasche, weil sie ein paar Kleinigkeiten kaufen wollte.”
“Sie verließ das Haus also ohne Handtasche?”
“Ja.”
“Darf ich die mal sehen?”
“Sicher doch. Kommen Sie rein.” Anton holte die Handtasche. Der Kommissar stöberte darin.
“Scheint alles drin zu sein. Auch ein Portemonnaie mit Papieren.”
“Zum Einkaufen haben wir ein extra Portemonnaie,” log Anton. “So ein olles Ding.”
“ Ging Ihre Frau öfter den weiten Weg ins Dorf?”
“Ja, bei jeder Gelegenheit. Ich bot ihr oft an, sie zu fahren. Aber sie lief lieber. Außer wenn es regnete oder sehr kalt war.”
“Okay. Sie werden von uns auf dem Laufenden gehalten.”
Anton gab ihm noch das Photo und die Bluse. Dann ging Weinstein.
Nachts regnete es unaufhörlich. Es goss wie aus Eimern. Anton war froh darüber. Das würde vielleicht die Blutspuren unter der umgegrabenen Erde unkenntlich machen, falls die Polizei einmal auf die Idee kommen sollte, hier mit Hunden herum zu schnüffeln.
In dieser Nacht schlief er sehr schlecht. Ein Alptraum jagte den anderen. Plötzlich schreckte er hoch: “Das Beil!” rief er wie in Trance. Man könnte noch Spuren an ihm finden. Er zog sich einen Morgenrock über und lief durch den Regen in den Schuppen. Dort steckte es. Im Holz. Als wenn nie etwas gewesen wäre. Er nahm es mit ins Haus und schrubbte es unter heißem Wasser gründlich ab, obwohl er es schon einmal sauber gemacht hatte. Dann ließ er es auf den Boden fallen und sich daneben in den Sessel.
Als er am nächsten Morgen erwachte, schmerzten ihm alle Glieder. Sein erster Blick fiel auf das Beil neben ihm. War das Blut? Erneut schrubbte er das Beil, aber die rote Farbe blieb haften. Das konnte kein Blut sein. “So sehen halt Beile aus,” sagte er zu sich und versuchte sich davon abzulenken. Er setzte sich einen Kaffee auf und aß einen Toast dazu. Gestern schon hatte er sich nichts gekocht. Heute wollte er es nachholen.
“Ich komme auch ohne dich klar. Brauch keine Nervensäge, die mir Essen kocht und hören will, wie gut sie gekocht hat.”
Als er die Kaffeetasse wegstellen wollte, stolperte er über das Beil. Er nahm es und schlug es wütend in die Tür. In diesem Moment fuhren zwei Autos vor. Er sah aus dem Fenster. Das eine war ein großer Polizeiwagen, aus dem ca. zehn Polizisten mit Hunden ausstiegen. Anton erschrak nicht wenig. Aus dem PKW stieg Weinstein und ging auf sein Haus zu. Die Polizisten schwärmten aus. Anton öffnete.
“Wir werden das gesamte Gebiet hier durchkämmen!” rief ihm Weinstein entgegen.
“Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Das wäre zuviel für mich.”
“Jedenfalls lassen wir keine Möglichkeit aus, sie zu finden.”
Anton war froh, dass der Kommissar keine Anstalten machte, ins Haus zu wollen. Er dachte an die Axt in der Tür.
“Haben Sie gesehen, dass Ihre Frau Richtung Dorf gegangen war?”
“Ja Natürlich. Ich hab ihr doch hinterher gerufen >pass auf dich auf<.”
“Auf alle Fälle suchen wir auch in der anderen Richtung, zur Stadt hin.”
Anton fand in dieser Nacht noch weniger Schlaf, als in der vorangegangenen. Eigentlich könnte er froh sein. Sie hatten nichts gefunden. Aber vielleicht wäre es sogar eine Erleichterung für ihn, würden sie was finden. So trug er die ganze Last des düsteren Geheimnisses mit sich alleine herum.
Das Beil verfolgte ihn bis in seine Träume. Er glaubte immer blutbespritzt zu sein, wenn er schweißgebadet aus einem Alptraum erwachte.
“Dieser Schadt ist mir nicht ganz geheuer.” Weinstein zog an seiner Zigarette. “Ich werde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass er eigentlich ganz froh ist, seine Frau los zu sein. Irgendwas ist da faul.”
“Wir haben keine Leiche.”
“Ziemlich dubios das Ganze.”
“Und wenn man bedenkt, wie viele Vermisstenanzeigen wirklich aufgeklärt werden. Diese wird dann halt vielleicht auch unter die ungeklärten Fälle zählen.”
“Ich gebe mich damit nicht zufrieden. Werd noch mal zu Schadt fahren und ihm vorsichtig auf den Zahn fühlen.”
Von weitem sah Weinstein, dass die Haustür weit offen stand.
“Herr Schadt?!” Er trat ein. Im Haus war niemand. Als er in den Hof treten wollte, sah er das Beil in der Tür.
“Herr Schadt?!”
Ein Anblick, wie er ihn schon oft gesehen hatte, wenn Menschen sich erhängt hatten.
Anton hing an einer Wäscheleine im Schuppen.


