Wer es nicht nötig hat, sich mit anderen zu vergleichen oder sich nach der Meinung anderer zu richten, kann erst wahrhaft bescheiden sein. Er schielt nicht nach dem Mehr das sein Nachbar hat oder darstellt. Er hat es erst gar nicht nötig etwas zu scheinen, was er nicht ist. Ein bescheidener Mensch hat genügend Selbstliebe und kann es sich daher leisten, bescheiden zu sein. Die Selbstliebe befähigt ihn dazu, andere zu lieben und es nicht nötig zu haben irgendjemanden zu beneiden oder neidisch machen zu wollen. Er freut sich an dem was er hat und gönnt den anderen ihres. Jemand mit mangelnder Selbstliebe und mangelndem Selbstvertrauen und der daraus resultierenden Selbstunsicherheit, wird sich immer an anderen messen müssen. Er kann nie genug haben, nie gut genug sein, nie zufrieden sein. Daraus entsteht dann Unbescheidenheit. Und solche Leute sagen dann gerne: “Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.” und finden das dann noch lustig. Würden sie sich mal ernsthaft Gedanken über Bescheidenheit machen, würden auch sie sehen, dass sie durchaus eine Tugend ist, die nicht jeder besitzt. Weil die meisten haben zu hohe Ansprüche, denen sie nie Genüge leisten können und setzen diese auch an ihre Mitmenschen an.
Solche Menschen wirken dann schnell auf andere etwas überkandidelt und können eigentlich nur bemitleidet werden. Denn sie sind weder mit sich noch mit ihren Nächsten so recht zufrieden. Mangelnde Selbstliebe ist überhaupt die Ursache für so ziemlich jedes Problem. Selbstliebe ist der Urgrund allen Gelingens und des sich Rundumwohlfühlens. Den wenigsten wurde von Hause aus diese Liebe vermittelt und es gehört Arbeit dazu und Geduld, sich diese Selbstliebe anzueignen. Es genügt oft nicht, dass andere uns lieben, so wie wir sind, weil wir es gar nicht glauben oder wahrhaben können.
Aber woher diese Selbstliebe nehmen? Bringt es was, wenn ich mir täglich vor dem Spiegel sage: Ich liebe mich und ich bin liebenswert. Zumindest kann man mit dieser Affirmation die Reaktion darauf überprüfen. Blockiere ich? Geht es mir leicht über die Lippen? Glaube ich mir? Wenn ich blockiere, warum? Welcher überkommene Glaubenssatz steckt dahinter und wirkt bis heute fort. Das ist eine Methode an die Selbstliebe heranzukommen. Wenn uns bewusst ist was so Glaubenssätze wie: Nur wenn Du was leistest bist Du wer oder wenn Du gut aussiehst, schlank bist dann hast Du Punkte in unserer Gesellschaft und noch viele mehr; anrichten können und dass sie eigentlich überholt und irrsinnig sind, kann sich vielleicht von diesen dummen Gedanken lösen. Denn sie haben mit Liebe gar nichts zu tun. Und wenn man sich für die Liebe entscheidet, entscheidet man sich gegen alles was ihr zuwider läuft. Doch erst mal muss es einem klar werden.
Eine andere Methode an die Selbstliebe heranzukommen ist einmal zu überprüfen, was ich mit mir selbst mache. Und warum. Wenn ich zu dick bin, es aber nicht sein will, warum tue ich mir dann das übermäßige Essen an? Oder ich habe eine Sucht. Warum rauche ich zum Beispiel so viel, wenn ich weiß, das es mir eigentlich gar nicht gut tut? Oder warum trinke ich soviel? Warum mache ich den Job, den ich eigentlich gar nicht will? Warum tue ich mir den Partner an? Wir werden immer auf alte Muster stoßen, Glaubenssätze die man uns irgendwann einmal eingeredet hat.
Aber wie werde ich diese dummen Einflüsterungen los, die ich mir im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt habe, nur weil irgend eine Autorität mal dies oder jenes zu mir gesagt hat? Wenn ich schon mal weiß, wie diese Glaubenssätze heißen, kann ich sie eher angehen. Ich kann eine Gegenaffirmation bilden und diese immer wieder sagen, wenn sich ein bestimmter Glaubenssatz einschleicht. Vielleicht wird dieser dann mit der Zeit überflüssig. Als Beispiel:
Ich esse soviel, weil ich mir dann Liebe zuführe, Zuwendung. Das Gleiche gilt fürs Rauchen. Da kann zum Beispiel dahinter stecken, das man als Kind zu wenig Lob und Anerkennung geerntet hat und diese sich jetzt selbst geben will.
Affirmation: Ich liebe mich so wie ich bin und tue nur das, was mir gut tut. Anstatt jetzt dieses üppige Mahl zu essen, überlege ich mir etwas durchaus Leckeres um meine Gelüste zu befriedigen. Dann reicht mir schon eine kleine Menge davon.
Und beim Rauchen: Ich werde diese Zigarette später genießen und mich für eine bestimmte Sache belohnen, z. B. etwas tun, was ich gerne vor mir hergeschoben habe. (Oft raucht man auch um sich vor irgendwas zu drücken oder blockiert sich selbst etwas Kreatives in Angriff zu nehmen.)
Es ist durchaus legitim, sich mit einem feinen Essen zu belohnen oder mit einer Zigarette, die Genuss verspricht, solange das Ganze nicht in Missbrauch ausartet. Aber wer Probleme mit dieser Art von Belohnung hat, sollte sich eine andere Belohnung einfallen lassen. Ein Konzertbesuch oder Kino. Eine gute CD hören, ein gutes Buch lesen. Es gibt soviel, das als Belohnung eingesetzt werden kann. Überhaupt sind Belohnungen wichtig, um Selbstliebe zu lernen. Wir können uns nicht oft genug belohnen. Nur muss es nicht gerade das sein, wonach wir süchtig sind, es sei denn es wird vorsichtig und maßvoll eingesetzt.
Eigenlob stinkt, heißt es. Aber warum sich nicht selbst loben, solange es angebracht ist. Solche und viele andere Sprüche halten uns nur von Selbstliebe ab. Man muss es ja nicht gleich übertreiben. Aber jemand kann sich durchaus mal ein Lob spenden, wenn er was getan hat, was für seine Entwicklung von Bedeutung ist oder die der anderen. Das heißt nicht, dass man dann gleich unbescheiden sein muss. Alles in gesundem Rahmen.
Ganz schlimm in unserer Leistungsgesellschaft ergeht es wohl denen, die arbeitslos sind oder aus anderen Gründen nicht arbeiten. Sie sind oft an den Rand gedrängt und leiden unter dem Druck der Gesellschaft. Meistens können sie sich auch nicht so viel leisten wie die arbeitende Bevölkerung und das drängt sie noch weiter an den Rand. Oft sind sie gelähmt oder sonstwie blockiert, sich kreativ einzubringen. Die Zeit hätten sie ja wahrscheinlich, aber es mangelt oft an Ideen oder Durchsetzungsvermögen, aus der Not eine Tugend zu machen. Wieviel kreatives Potenzial geht uns allen verloren, weil wir blockiert sind. Warum sind wir blockiert? Zuwenig Selbstliebe, mal wieder, zu wenig Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, zu wenig Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.
Viele wären froh, wenn sie mehr Zeit hätten. Aber wenn sie sie dann haben, nutzen sie sie nicht. Es ist im Grunde immer dasselbe Problem. Was mache ich mit mir und aus mir? Egal ob ich arbeite oder nicht. Die Probleme sind dieselben. Ich kenne so gut wie niemanden, der in seinem Beruf so richtig aufgeht. Aus welchen Gründen er auch immer arbeitet. Meistens aus gesellschaftlichem Druck heraus, aber froh ist er auch nicht. So stelle ich mir kein erfülltes Leben vor.
Erfüllt kann nur jemand sein, der vollkommen zu sich gefunden hat und sich kreativ hier einbringen kann, egal mit welcher Tätigkeit. Nur sollte sie ihn ganz und gar erfüllen. Dann wäre es ihm auch nicht wichtig, ob er viel oder wenig Geld hat. Ob er Anerkennung von gesellschaftlicher Seite hat oder nicht. Er würde sich genügend wertschätzen und hinter dem stehen was er tut.
Wenn wir in uns die Eigenliebe entwickeln können, tun sich ganz andere Türen auf. Kreatives Potenzial wird freigesetzt und kann den Umschwung in der Arbeitswelt bedeuten. Wir würden nur noch das tun, was wir auch wirklich tun wollen und nicht mehr aus Druck heraus handeln. Wenn jeder liebevoll mit sich umginge, was wäre das für eine schöne Welt. Wir würden mehr gemeinsam tun, lachen und uns aneinander freuen. Wir hätten das Paradies auf Erden. Wenn jeder bei sich anfängt und es in seinen kleinen Kreis trägt, kann es wie ein Lauffeuer um sich greifen. Wir können uns gegenseitig unterstützen, diese Welt ein wenig liebenswerter zu machen. Fangen wir noch heute an.


